Rate this post

Der Wissenschaftler an sich sollte von einem Höchstmaß an Objektivität beseelt sein. Das ist offenbar nicht immer ganz einfach, denn mit schöner Regelmäßigkeit kommt es vor, dass auch Koryphäen nicht nur mangelnde Objektivität, sondern ab und an sogar die Fälschung
ihrer eigenen Forschungsergebnisse zur Last gelegt wird.
Wenn man sich nun einem bestimmten Thema widmet, dann bringt man häufig auch eine gewisse Erwartungshaltung mit. Wir alle möchten natürlich gern bahnbrechende Erfolge erzielen, Ergebnisse ableiten, die die Welt verändern und aufgrund derer wir Eingang in
den Reigen der viel zitierten und reputierten Experten finden.

Da ist es oft nicht ganz leicht, so zu tun, als wäre einem das Ergebnis der eigenen Forschungsarbeit völlig egal, als wäre es nicht wichtig, ob die eigenen Annahmen nun belegt werden können oder nicht. Ob Sie so denken, ist Ihre Privatsache. Aber man sollte es Ihrem
Text nicht anmerken, dass Sie ihn in eine bestimmte Tendenz drängen.
Oft suchen Studierende und Promovierende ihre Themen in ihrem unmittelbaren beruflichen oder privaten Umfeld. Das hat den Vorteil, dass man sich gut auskennt und ein Thema auch aus der Innensicht heraus beurteilen kann. Der Nachteil, der diesen Vorteil häufig deutlich überstrahlt, liegt auf der Hand: Man ist involviert und hat deswegen nicht die erforderliche Distanz zum Thema.
Ein gutes Beispiel sind Migranten, die sich eben häufig auch mit Themen rund um die Migration befassen. Dann fällt es nicht leicht, eigene Erfahrungen, Antizipationen und Gewohnheiten abzustreifen.
Nichtsdestotrotz ist dies aber Ihre Aufgabe.
Man sollte Ihrer Arbeit an keiner einzigen Stelle anmerken, in welche Richtung Sie tendieren. Es gibt ein schönes Beispiel: Wenn Sie die Hitler-Biografie von Ian Kershaw lesen, so wird Ihnen auffallen, dass er es hinbekommt, sich dieser Unperson tatsächlich mit der gebotenen
Neutralität zu nähern. Das mag vielleicht für die einen befremdlich wirken, für die anderen ist es aber das höchste Gut, das ein Wissenschaftler mitbringen kann. Und deswegen verdient er es auch, beispielsweise hier erwähnt zu werden.
Also konzentrieren Sie sich bitte darauf, wenigstens so zu tun, als wären Sie objektiv. Und verzichten Sie darauf, Ihre Arbeit unangemessen zu beeinflussen. So sollten Sie, wenn Sie auf einen bestimmten Punkt abzielen, Argumente und vor allen Dingen anerkannte Experten suchen, die sich dafür aussprechen. Dann versuchen Sie, auch solche zu finden, die konträrer Meinung sind. Und am Ende entscheiden Sie sich für eine der beiden Bewertungen und begründen dies. So funktioniert wissenschaftlicher Diskurs.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Webseite benutzt Cookies. Wenn Sie die Webseite weiter nutzen, erklären Sie sich damit, sowie mit den weiteren Datenschutzbestimmungen einverstanden Mehr zum Datenschutz

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen