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Ich habe in meinem Textverarbeitungsprogramm ein paar feste Bausteine definiert, die regelmäßig als Kommentare eingefügt werden. Denn ich war es leid, dieselben Inhalte immer wieder neu zu formulieren. Und einer der am häufigsten verwendeten Standardtexte ist
dieser hier:

Genereller Hinweis zu Beginn: Wissenschaftliche Arbeiten aus der Ich-
Perspektive gibt es, sind aber eher unüblich. Ich rate grundsätzlich davon
ab und empfehle die indirekte, passivische Schreibweise.

Fällt Ihnen etwas auf? Interessant sind schon die ersten vier Worte. Denn wenn dieser spezielle Fehler auftaucht, dann meistens zum ersten Mal bereits in den ersten drei Sätzen.
Dabei ist es doch ganz einfach, und Sie sind mir nicht böse, wenn ich Sie jetzt ein bisschen abqualifiziere: Sie, Ihre Meinung, Ihre Erfahrungen interessieren schlichtweg niemanden. Bitte finden Sie sich damit ab. Sie sind nur ein Instrument, um diese Arbeit zu verfassen,
Sie sind als Person quasi nicht existent.
Und deswegen sind sämtliche Formulierungen in der ersten Person Singular und Plural für eine wissenschaftliche Arbeit tabu. »Ich fasse zusammen: …« gibt es nicht, ebenso wenig wie »Meiner Meinung nach …« oder auch die Abkürzung »m. E.« (für »meines Erachtens
«). Sehr schnell landet man nämlich in einer Erzählstruktur, die an einen Schulaufsatz erinnert mit dem Titel »Mein schönster Ferientag«.

Dieser Unterpunkt verträgt sich auch ganz wunderbar mit der zuvor diskutierten Forderung nach Objektivität: Wenn Sie selbst als Figur in der eigenen Arbeit niemals auftauchen, sind Sie diesem Ziel schon wesentlich näher.
Deswegen sollten Sie auch nie so etwas formulieren: »Wir Menschen leben ja in einer Welt …« oder »Wie wir bereits zuvor festgestellt haben …«  Wenn Sie Ihre Perspektive hineinbringen wollen, beispielsweise um zu erwähnen, dass Sie bei der Bearbeitung Ihres Themas von bestimmten beruflichen Erfahrungen profitieren können, so sprechen Sie bitte von sich
als »der Verfasser« oder »die Verfasserin«.
Es gibt aber auch Ausnahmen von dieser Regel. Manchmal sind Fälle zu beobachten, auch wenn sie in der Minderheit sind, bei denen die Professoren oder ihre Assistenten solcherlei Formulierungen ausdrücklich gutheißen. Nur dann, nur bei einer ausdrücklichen Aufforderung
dazu, dürfen Sie dieses Verbot ignorieren, aber auch dann können Sie es trotzdem beachten.
Am Ende Ihrer Arbeit müssen beziehungsweise sollten Sie dazu übergehen, Stellung zu beziehen. In diesem Fall und bei der zuvor dargestellten Abwägung zweier sich widersprechender Meinungen treten Sie als Person, als der agierende Wissenschaftler in Erscheinung. Aber auch dann erwartet das akademische Ritual von Ihnen, wenigstens in der Formulierung ein gebotenes Maß an Objektivität zu berücksichtigen. Wenn Sie also bei den konkurrierenden Meinungen die von Müller ablehnen und der von Schmidt folgen, so formulieren Sie dies so: »… folgt die vorliegende Arbeit den Ausführungen von Schmidt.«
Nicht Sie, sondern Ihre Arbeit steht im Mittelpunkt. Und wenn Sie die Ergebnisse Ihrer Arbeit vorstellen, sagen Sie nicht »… und so habe ich herausgefunden, dass …«, sondern Sie formulieren es so: »Die Ergebnisse dieser Arbeit deuten darauf hin, dass …«

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