»Wie kann es nur sein, dass dieses Thema bislang noch nicht wissenschaftlich bearbeitet wurde?« Diesen Satz musste ich kürzlich in der Einleitung einer Magisterarbeit lesen. Ich hoffe, Ihnen graut davor genauso wie mir. Wenn nicht, dann sollten Sie jetzt gut aufpassen. Rhetorische Floskeln haben in einer wissenschaftlichen Arbeit nichts zu suchen. Bevor ich Ihnen ein paar Beispiele nenne, kurz die Begründung: Rhetorik ist dazu da, Menschen zu überzeugen, zu manipulieren, durch geschickte Redekunst zu beeinflussen. Und solch ein verbales Kasperle-Theater gehört zwar existenziell in Vertriebsschulungen hinein, sollte in einer wissenschaftlichen Arbeit aber nicht stattfinden, ganz im Gegenteil. Hier wird durch analytisch abgeleitete Argumentation und Fakten überzeugt und nicht durch gehaltlose Phrasen. Zuvorderst auf der Tabuliste steht die Effekthascherei durch rhetorische Fragen. Das sind Fragen, die emporgereckt in den Raum hineinragen wie ein verbales Mahnmal, ohne dort allen Ernstes mit einer Antwort zu rechnen. Weiter versteht man unter rhetorischen Floskeln: »Wie man weiß …«, »Es ist kein Geheimnis, dass …« oder »Experten sind sich einig, dass …«. Hier blendet man durch wortgewaltige Einleitungen, die pauschal Konsens über ein bestimmtes Thema andeuten oder sogar voraussetzen. Das ist nicht zulässig. Und schließlich sollte man – und das ist die Feinabstimmung zur gebotenen Objektivität – nicht für etwas plädieren. Denken Sie bitte an das berühmte Zitat des legendären Journalisten Hanns-Joachim Friedrichs. Er sagte: »Ein guter Journalist macht sich nicht mit einer Sache gemein, auch nicht mit einer guten.« Und wenn das schon für Journalisten vorausgesetzt wird, dann gilt dieses für den Wissenschaftler erst recht. Also lassen Sie niemals durchblicken, dass Sie wirklich von irgendetwas vollkommen überzeugt sind, dass Sie es unglaublich wichtig finden, wenn etwas getan oder unterlassen wird und dass Sie andere Menschen mit Überschwang davon überzeugen wollen, Ihrer Meinung zu folgen. Sachlichkeit hat auch hier Vorrang. Mit der Rhetorik in wissenschaftlichen Texten ist es wie im richtigen Leben: Sie wird fast immer von denen eingesetzt, die sich unterlegen fühlen, oder von solchen, die über Leichen gehen, um ihre Ziele zu erreichen. Rhetorik deutet immer (mindestens) ein wenig Unaufrichtigkeit.

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