legal2 Diese Seite richtet sich an alle, die an einer Universität beschäftigt sind und sich für das Thema Wissenschaftslektorat  interessieren. Zunächst ein paar Gedanken zur gegenwärtigen Situation bzw. Rechtslage aus einer für Unis möglicherweise ungewohnten Perspektive – nämlich aus meiner. So interessant und verantwortungsvoll mein Beruf ist, so schwierig ist er oft auszuführen. Denn: Wir befinden uns in einer Grauzone. So wirklich weiß niemand, was genau Sache ist – weder wir Lektoren noch unsere Kunden, aber letztlich irgendwie auch nicht die Betreuenden und am Ende Bewertenden an den Universitäten. Tatsache ist: Vielen meiner Kunden wird von den Verantwortlichen an der Uni ausdrücklich nahegelegt, ein Lektorat in Anspruch zu nehmen; andere Professoren blenden das Thema vollständig aus. An manchen Lehrstühlen existieren diffuse Vorschriften: Freunde und Verwandte dürfen die Arbeit gegenlesen, Profis hingegen nicht. Wieder andere halten diesen Service für eine Dissertation für selbstverständlich; bei einer BA-Arbeit hingegen verbieten sie ihn. Und dann gibt es solche, die ein Lektorat ausdrücklich für ausländische Studierende empfehlen und es genauso explizit für Muttersprachler untersagen. Aber im Zweifelsfall verpuffen jegliche Regelungen natürlich weitgehend wirkungslos, denn wirklich verbieten kann man die Inanspruchnahme solcher Dienstleistungen nicht.

Anarchie

Denn glauben Sie mir: Die Studis machen eh, was sie wollen. Bedrohlich viele von ihnen sind nämlich mit der Bedienung des Internets vertraut und können binnen Sekunden zahllose Anbieter finden. Leider sind auch viele schwarze Schafe dabei – seien es himmelschreiend inkompetente oder gar solche, die sich selbst vollkommen ungeniert als „akademische Ghostwriter“ bezeichnen und gleich die Erstellung ganzer Arbeiten anbieten.

Selbstmitleid

Erfahrene, professionelle und vor allem nach wissenschaftsethisch einwandfreien Prinzipien arbeitende Wissenschaftslektoren sollten eigentlich, wie es in den anglo-amerikanischen Länden der Fall ist, wichtige und wertvolle Bestandteile des akademischen Betriebs sein. Leider bekleiden wir aber ein Schattendasein; aufgrund weitgehend ungeregelter Rechtsverhältnisse sind wir dazu gezwungen, diskret und im Verborgenen zu agieren. Das nervt entsetzlich und zehrt am Selbstvertrauen.

Paradoxie

Tatsache: Die Fähigkeiten der Studienanfänger bezüglich der deutschen Sprache befinden sich seit zwei bis drei Jahrzehnten im freien Fall. Über die Gründe ließe sich hinlänglich diskutieren; über die Tatsache an sich hingegen nicht. Ergebnis: Nur eine unbedeutende Minderheit der heutigen Universitätsabsolventen ist in der Lage, auch nur zwei fehlerfreie Sätze in Folge zu verfassen. Die Regeln der Kommasetzung halten sie wie viele andere auch allenfalls für eine unverbindliche Empfehlung. Der Grund: Es wurde ihnen schlicht noch nie beigebracht. Das ist schlimm genug; noch schlimmer hingegen wird es, wenn gerade in den ambitionierten geisteswissenschaftlichen Fächern diese Fähigkeit zu fehlerfreier Wissenschaftssprache nicht nur vorausgesetzt wird, sondern sogar explizit mit in die Benotung einfließt. Lösung: Wo die Schule versagt, muss die Uni ran. Die Studis sollten verbindlich hinsichtlich der Regeln der deutschen Wissenschaftssprache geschult werden; am besten gleich in Form eines verpflichtenden Propädeutikums.

Qualitätsmanagement

Ich darf doch mal träumen? Danke. In meinem Utopia gibt es an jeder Fakultät einheitliche, klar definierte und verbindlich kommunizierte Regeln hinsichtlich Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grammatik, Semantik und Rhetorik. Die Formatierungsvorgaben sind ebenso unmissverständlich geregelt wie die Zitiervorschriften, und zwar über die Grenzen des eigenen Lehrstuhl-Horizonts hinweg. In meinem Utopia darf man „zuungunsten“ nicht als falsch anstreichen, nur weil man Probleme mit der Rechtschreibreform hat. Dort kennt jeder die Bedeutung der Duden-Empfehlung und hält sich daran. In meinem Utopia kennt jeder Studienbeginner die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens und vor allem auch der wissenschaftlichen Sprache und ist als Absolvent in der Lage, schriftlich so zu kommunizieren, wie es von einem Akademiker zu erwarten ist. Und – lassen Sie mich das mit einem Augenzwinkern anfügen: In meinem Utopia bin ich an der Umsetzung dieser ehrgeizigen Ziele natürlich beteiligt!

Gestalten statt ignorieren

Die Inanspruchnahme eines Lektorats sollte grundsätzlich jedem Studierenden freigestellt sein. An jeder Fakultät sollte daher eine Liste akkreditierter Lektoren vorgehalten werden. Diese Experten sollten neben ihrer fachlichen Kompetenz auch dazu verpflichtet sein, sich beim Lektorat an genau festgelegte Regeln zu halten. Die Optimierungen sollten somit in fakultätsweit geregelten, eng gesteckten Grenzen stattfinden, die übrigens relativ einfach zu definieren sind. Die Studierenden, die eine solche Dienstleistung in Anspruch genommen haben, sind verpflichtet, dies in ihrer Erklärung über die verwendeten Hilfsmittel am Ende der Arbeit anzugeben. Problem gelöst; alle haben gewonnen. Die Studis sind auf der sicheren Seite, an der Universität werden formal perfekte Texte zum Standard, und die beteiligten Lektoren müssen nicht länger ihre Dienstleistung verschämt im Verborgenen offerieren.

APROPOS  BEWERTEN …

Natürlich stellt sich die Frage, ob man die Kenntnisse bezüglich der deutschen Sprache mit in die Bewertung einer Abschlussarbeit einbringen kann, darf, soll. Ohne Zweifel: Man kann, und man darf. Aber ob man sollte und unter welchen Bedingungen, ist nicht ganz so einfach zu beantworten. Folgende Szenarios sind zu berücksichtigen:

Szenario 1: Boris Müller und Johanna Schmidt Boris stammt aus schwierigen sozialen Verhältnissen und hat sein Gesamtschulabitur mit Hängen und Würgen geschafft. Er beherrscht die Regeln der deutschen Sprache eher zufällig, was aber bis heute niemanden interessiert hat. Johannas Vater ist Arzt und ihre Mutter Deutschlehrerin. Johanna liest seit ihrem zehnten Geburtstag die FAZ und hat eine Privatschule besucht.

Szenario 2: Derya Kaya und Metin Öztürk Derya ist mit ihren Eltern vor zehn Jahren nach Deutschland gekommen. Ihre Eltern sprechen kaum Deutsch und verdienen ihr Geld mit ungelernten Tätigkeiten. Metins Eltern sind in Deutschland geboren und beide von Beruf Rechtsanwälte.

Szenario 3: Xiaomeng Li, Abdul El-Hammadi, Conzuela Duarte, Igor Yuzakov … sprechen zum Teil nur rudimentär Deutsch, weil sie erst seit Kurzem im Land sind. Und zu einem anderen Teil beherrschen sie die Regeln unserer Sprache deutlich besser als ein durchschnittlicher einheimischer Abiturient, weil das Goethe-Institut supergute Arbeit leistet (gibt’s übrigens wirklich, und nicht selten!)

Die zentralen Fragen, die sich stellen, lauten:

1) Wer darf sich helfen lassen? Und in welchem Umfang? Und wer nicht? Und warum eigentlich nicht? 2) Was bedeutet es eigentlich, wenn jemand eine zu 100 Prozent fehlerfreie Arbeit vorlegt? 3) In welchem Umfang fließt die Sprache in die Note mit ein? 4) Welche Lösung ist die zweckmäßigste und gerechteste?

Hier folgt eine mögliche Lösung in fünf Schritten:

Regel Nr. 1: Eine wissenschaftliche Arbeit hat grundsätzlich formal tipp topp zu sein (Ergebnis geht klar vor Methode). Regel Nr. 2: Gleiches Recht für alle: Wer ein Problem erkannt und gelöst hat, darf nicht bestraft werden (Migrationsstatus unerheblich). Regel Nr. 3: Die Inanspruchnahme eines Lektorats ist ausdrücklich erlaubt, aber ebenso ausdrücklich nicht vorgeschrieben. Regel Nr. 4: Um unseriöse und unprofessionelle Anbieter fernzuhalten, werden nur akkreditierte Dienstleister akzeptiert. Regel Nr. 5: Die Optimierungen dürfen nur in genau definierten, enggesteckten Grenzen erfolgen.
Optional ist zu erwägen, den Text – natürlich ausschließlich  zu Kontrollzwecken – in zwei Versionen einreichen zu lassen: in der finalen Version und mit aktivierter Funktion „Änderungen verfolgen“.
Problem gelöst. Folgender Vorschlag von mir: Ob Lehrstuhlinhaber, akademischer Mittelbau oder Fachschaft: Wenn Sie Interesse an dem Thema haben und sich eventuell einmal mit jemandem austauschen möchten, der sich seit vielen Jahren in dieser Branche tummelt, dann würde ich mich sehr über eine Kontaktaufnahme freuen. (Sie können sich, wenn Sie mögen, hier diesen Text als PDF herunterladen.)